Falls es etwas gibt, was man als weit verbreiteten, wirklich großen Irrtum mit sehr schmerzlichen Folgen ansehen kann, dann ist es die Vorstellung, man müsse „das Böse“ mit dessen eigenen Mitteln bzw. mit einer ähnlichen inneren Haltung schlagen, um es zu besiegen. Diese fatale Idee wird von sehr vielen Menschen und oft nicht nur tendenziell unterstützt, sondern sogar vehement vertreten. Allerdings ist das deshalb eine gefährliche Illusion, weil man sich dabei – meist ohne sich dessen hinreichend bewusst zu sein – selbst immer wieder und immer tiefer in die Logik und das Verhalten des Bösen verstrickt – und es dabei stärkt.
All die Superman-Märchen der amerikanischen Filmindustrie, deren Helden ganze Städte in Schutt und Asche legen, um den mächtigen bösen Widersacher endlich auszuschalten, sind schlicht nicht wahr und selbst wenn sie wahr wären, würde die Haltung, die in ihnen beschrieben wird, die Probleme nicht wirklich lösen. Denn weder die schiere Größe der Zerstörung (wirklich immer nur auf der „Gegenseite“?) noch die ursprünglich beste Absicht bei der Anwendung von Gewalt und die feste Überzeugung, zu den Guten zu gehören, ja sogar große innere Aufrichtigkeit der „Guten“ am Anfang der Gewaltspirale retten aus Not und Verderben. In der Realität frisst sich nämlich das Übel der Gewaltanwendung von Windung zu Windung der Spirale mittels wachsenden Zornes auf beiden Seiten des jeweiligen Konfliktes immer tiefer in die Seelen, bis man auch als ursprünglich „Guter“ – mitleidlos Rache üben oder sogar „in bester Absicht“ strafen und schließlich sogar töten will. Und dann folgt „selbstverständlich“ auch daraus, dass es als richtig, ja sogar als notwendig erscheint, die „feindlichen Anderen“ – ohne ihr Leid zu sehen – von allen Fleischtöpfen auszuschließen und ihnen so auch in dieser Hinsicht das Lebensrecht abzusprechen.
Schließlich führt dann das alles unweigerlich dazu, dass dabei beide Seiten auf die traumatisierte und dann auch auf die traumatisierende Seite der Welt rutschen, wobei „traumatisiert“ und „traumatisierend“ langsam miteinander verschmelzen und das Bewusstsein davon, wie aktiv wütend und böse man selbst (geworden) ist, ganz erstaunlich einschränken. Natürlich war alles Böse auch einmal gut und natürlich gibt es nicht nur die extremen Endzustände der Spirale, sondern auch viele Zwischenstufen, doch ändert das allenfalls etwas an der Quantität, aber nichts an der Qualität und Tendenz des ganzen Prozesses. Und wenn der richtige Weg da heraus nicht völlig klar erkannt ist und entschieden begangen wird, kann man die Dunkelheit in der eigenen Seele, wenn überhaupt, dann nur sehr schwer überwinden. Diese Aussage ist keine billige „Angstmache“ : wer nicht vom Zorn geblendet ist, kann diese tragischen Zusammenhänge und ihre Entwicklung vom kleinen Ärger bis zum ausgewachsenen Krieg sowohl im privaten Umfeld wie zwischen ganzen Staaten mit ihren Gesellschaften durchaus nicht selten beobachten.
Denn die Gewalt, die man gegen das Böse einsetzt, ist eben ganz dessen eigene Art die Welt zu sehen und ihr zu antworten – und deshalb bestätigt auch reaktive Gewalt mit den besten Vorsätzen letztlich die Sicht- und Reaktionsweise des Bösen, gibt ihm Kraft und erhält die Verneinung der jeweiligen Gegenseite und damit das Leid am Leben. Man kann dabei durchaus Tapferkeit und „Kriegskünste“ üben, aber echten Frieden – kann man so nicht erreichen, denn zumindest ab einer gewissen Eskalationsstufe werden Hass und Angst, Verzweiflung und Zorn doch allseits immer nur stärker!
Das ist das „Geheimnis“ des größten menschlichen Irrtums. Daher rührt die Beständigkeit all der banalen Brutalität, des Blutvergießens, der meisten und schlimmsten inneren und äußeren Verletzungen und der daraus folgenden Tränenfluten … durch die Jahrhunderte.
Und eigentlich bräuchte man doch nur mit offenem Herzen zu schauen, wohin Hass, blinder oder auch „nur“ lodernder Zorn und Mangel an Vergebung schon so viele andere Menschen in allen Kulturen und Kontexten geführt haben.
Sollte man angesichts dieser Sachlage nicht doch nach einer anderen Logik und Strategie suchen? – Merkwürdigerweise ist die eigentlich auch schon seit Jahrtausenden bekannt, denn in allen Traditionen wird sinngemäß vorgeschlagen:
Liebe Deine Feinde, tue Gutes denen, die Dich hassen!
Aber ist das nicht wieder nur so ein „moralinsaures, religiöses Geschwätz“?
Nein, diese Agenda – richtig verstanden – hat tatsächlich wenig mit Moral (lat. Mores = allgemeine Sitten) zu tun – sondern ist eine zeitlose, universelle Weisheit, die über jede konfessionelle Bindung hinaus geht und aus der oben erwähnten, eher selten richtig verstandenen, jedoch sehr scharfsinnigen Beobachtung und Auswertung des ältesten menschlichen Unheils eigentlich zwingend folgt. Es geht dabei nicht darum, dass man sich nicht wehren dürfte, auch nicht darum, dies notfalls auch heftig tun zu dürfen, sondern um die innere Haltung dabei. Es geht „nur“ um die Vermeidung von Hass – auch im Falle einer eigenen tieferen Verletzung. Und das ist durchaus nicht einfach. Sich nicht in eine Hass-und Rache-Spirale ziehen zu lassen, das ist der entscheidende Punkt – und oft / meistens sogar richtig schwierig (, jedenfalls wenn man bedenkt, welche Folgen z.B. der WK2 auch noch drei Generationen nach Kriegsende in vielen Familien bewirkte…) Trotzdem ist eine echte Lösung aus der dann oft nicht mehr ganz bewussten Furcht- und Rachehaltung für uns alle durchaus möglich …..
Mit der Umsetzung dieses Vorschlages würden wir endlich die Logik und Agenda des absichtlich Bösen innen wie außen verlassen und damit wäre sogar, vorausgesetzt genügend Menschen würden so denken und handeln, für die ganze Menschheit die Tür in eine andere, weit gerechtere und friedlichere Welt geöffnet. Es gäbe kaum noch sinnlose Eskalationen und durch die Sinn-Leere verursachte Verschwendung lebenswichtiger ökologischer Ressourcen … und die damit verbundene Änderung unserer inneren Haltung und der daraus folgenden Erlebnisse würden den größten Teil unserer unerträglichen Ängste und der daraus folgenden Schmerzen weitgehend rückstandsfrei auflösen.
Das heißt also nicht, dass es keinerlei Polaritäten, Ziele, Herausforderungen und Wachstumsanreize mehr gäbe, aber wir würden nicht mehr so verzweifelt und herzlos, sondern viel bewusster und freundlicher damit umgehen. Und deshalb hätten unsere Reaktionen auch deutlich weniger blutige Folgen und wir würden nicht immer wieder vergessen, dass „die Anderen“, unabhängig davon, welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Nationalität und soziale Herkunft sie haben, Schmerzen genau so spüren wie wir selbst. So könnte die Liebe mit ihrer spürbaren Sorgfalt, Sanftmut und Geborgenheit schenkenden Hingabe, wenn sie nur ernst gemeint und aufrichtig gelebt würde, unser aller wahrhaft wirksames Heilmittel sein.
Hintergrund der ganzen Schwierigkeiten ist aber unser Mangel an Verständnis und Geduld … und oft auch – wenn wir etwas verlieren – ein Mangel an Akzeptanz der Tatsache, dass die Schöpfung aus Aufbau und Abbau besteht, also aus stetiger Wandlung, deren natürliche „Abbau-Seite“ eigentlich in den allermeisten Fällen tatsächlich nichts „Böses“ ist und deshalb auch viele Verluste nicht zu Verzweiflung und Hass führen müssten, wenn wir sie nur richtig verstehen und entsprechend gelassen darauf reagieren könnten … Denn die Natur zeigt uns in vielen ihrer Bilder und Prozesse, dass wenig oder meistens sogar gar nichts wirklich vernichtet wird, sondern dass fast immer nur die Strukturen umgebaut werden. Das gilt durchaus auch für die nicht-stoffliche Ebenen….!
Doch ist all das kein ganz leichter Weg zur Einsicht. Er erfordert neben der erwähnten Klarheit auch Beobachtungsgabe, Anpassungsfähigkeit an die Umstände und ein gehöriges Maß an Hingabe und Entschlossenheit. Trotzdem gibt es Freiheit von endlosem Elend und großem Schmerz wohl zu keinem geringeren Preis.
Kurzum : Eigentlich sind unsere wahren Feinde nicht die Mitmenschen, die genauso leiden – und irren – wie wir selbst, sondern vielmehr Hass, Angst, Verzweiflung und rücksichtslose Gier. Doch sollten wir eben nicht versuchen, diese inneren Feinde außen „mit ihren eigenen Mitteln“ zu schlagen, denn so würde eben alles doch nur noch schlimmer, sondern sie aufgrund von genauer und klarsichtiger Analyse im Herzen mit Liebe und Mitgefühl zu transformieren … das ist dann keine kleine, aber eine ganz stille Kraft. Und wer schon einige Erfahrung mit dieser inneren Transformation machen konnte, wird dieser Aussage zustimmen.
