Einige Thesen wider den Zeitgeist

  1. Bewusst zu leben bedeutet, wenigstens grundlegend wissen zu wollen, was aus dem eigenen Denken, Sprechen und Handeln jeweils folgt und das vorhandene diesbezügliche Wissen und Ahnen bei den eigenen Absichten und Handlungen tatsächlich zu berücksichtigen. Die Fähigkeit dazu wächst mit der Häufigkeit und Konsequenz, mit der wir Vermutung, Erfahrung und Wissen so umfänglich und aufrichtig wie möglich integrieren. Aus dieser Integration kann im Laufe des Lebens Weisheit, d.h. die richtige Mischung aus Entdeckerfreude und Selbstbeschränkung erwachsen, die m.E. unsere höchste Lebens-Leistung darstellt. Weisheit wird dann auch unser praktisches Verhalten angemessen steuern und uns erst wirklich ermöglichen, die Verantwortung für uns selbst und unsere Welt – soweit eben menschenmöglich – zu übernehmen. Darauf sollten wir wenigstens perspektivisch in unseren Bildungssystemen immer wieder hinweisen und auch ganz bewusst so klar wie möglich die Grundlagen dafür legen, indem z.B. ein Pflicht- und Hauptfach „Grundlagen sozialer Erfahrungsauswertung“ oder auch „Wie geht man richtig mit eigenen und fremden Gedanken, Emotionen, Energien und Handlungen um?“ angeboten wird. Dem liegt dann nicht eine weltfremde oder überwertige philosophische Idee, sondern die einfache und immer wieder bestätigte Erfahrung zugrunde, dass unser Umgang miteinander sehr weitgehend unser Schicksal bestimmt. Diesem Umstand tragen aber unsere Bildungssysteme (auf allen Ebenen und ziemlich offensichtlich) bislang nur ungenügend Rechnung. Für den Erfolg einer Lebensschulung dieser Art ist entscheidend, dass dabei nicht Ideologien, sondern die Vielfalt der wissenschaftlichen Methoden und die ganze Bandbreite verschiedener Sichtweisen mit vielen praktischen Übungen so weit wie möglich „weltanschaungs-neutral“, d.h. aus allen Blickwinkeln, vermittelt werden.

2. Ein leider weit verbreiteter Irrtum, gerade auch in der Politik (auf vielen Ebenen) ist die Vorstellung, dass Mittel und Zweck unabhängig von einander seien oder dass der „Zweck die Mittel heiligen“ könne. Das ist beides definitiv falsch! Dieser Irrtum erzeugt regelmäßig irritierende Verhaltensweisen und ist darüber hinaus auch zu einem großen Teil für den schlechten Leumund der Politik in breiten Bevölkerungsschichten verantwortlich. Es gilt vielmehr, dass Mittel bzw. Werkzeug den Zweck (und damit auch das Ziel) und den Erfolg der Handlung formt! Das ist offenbar so etwas wie ein Gesetz dieser Schöpfung und wird von uns allzu oft – übrigens sehr häufig mit katastrophalen Folgen – vernachlässigt, unter anderem besonders krass bei dem, was wir unter „Geheimdienstarbeit“ und „militärischer Reaktion bzw. militärischer Rechtsprechung“ verstehen. Dabei ist so offensichtlich, dass man nicht mit verleumderischen Unterstellungen, mit angstvoll vorgehaltener Waffe, mit großem Mißtrauen oder gar tödlicher Aggression echte Freunde gewinnen kann. Das Ergebnis einer Handlung wird immer sehr wesentlich von dem Mittel/Werkzeug bestimmt, das wir dabei einsetzen – und daran führt weder auf großen noch auf kleinen Skalen ein Weg vorbei! Wenn wir uns dessen stets bewusst wären und dies Gesetz wirklich beachten würden, ginge es uns allen viel besser. Denn wenn Jedem von vorneherein klar wäre, dass z.B. auch untergründig aggressive Mittel in aller Regel nur Angst und Gegenaggression erzeugen und niemals wahrhaften Frieden, dann würde gewiss viel Unheil gar nicht erst entstehen….

3. Die meisten Menschen wollen glücklich sein und friedlich leben, berücksichtigen dabei aber oft nicht oder nicht hinreichend, dass Glück und Unglück keine „Privatsachen“ sind. Menschenschicksale sind natur-gesetzmäßig miteinander verwoben. Zwar gilt auch: „was dem einen „sin Uhl is dem andern sin Nachtigall“ – das betrifft jedoch vor allem die verschiedenen Sichtweisen auf die Dinge. Prinzipiell gilt jedoch in Bezug auf Absichten und Verwirklichungen : Wenn jemand einen anderen Menschen glücklich oder unglücklich macht/machen will, hat das auch entsprechende Folgen für ihn selbst. Viele von uns denken, dass dies nur ein „frommer Wunsch“ bzw. eine „Gutmenschen-Idee“ sei, aber dem ist meiner Erfahrung nach nicht so, sondern die Folgen sind tatsächlich nur oft nicht sogleich zu spüren. Der Zusammenhang zeigt sich auch später oft nicht als 1-zu-1-Zuordnung, d.h. dass Handlung und Reaktion nicht notwendig eine ähnliche Form haben müssen. Vielmehr kann nämlich eine innere oder äußere Verletzung (und ihre karmische Folge) auf ziemlich verschiedenen Wegen zugefügt und … später auch in einem scheinbar ganz anderen Zusammenhang geheilt werden – und trotzdem einen wesentlichen Bezug zu der alten Verletzung aufweisen. Meiner Beobachtung nach geht es der Schöpfung dabei nicht so sehr um Ausgleich im Sinne von „Zahn für Zahn“, als vielmehr darum, dass eine Wahrheit / ein Geschehen als „ganzheitlich komplex“ verstanden und deshalb von mehreren Seiten (unter mehreren Blickwinkeln) erfahren und so bewusst wie möglich untersucht wird. – Dabei werden dann vielleicht diese verschiedenen Seiten für den Erfahrenden (als Beobachter) äußerlich ganz unterschiedlich erscheinen und trotzdem als „innen“ zusammengehörig, ja sogar als Ganzheit wirken. Ich glaube deshalb, meine Erfahrungen dahingehend interpretieren zu dürfen, dass dem Schicksal oft schon genüge getan ist, wenn die schon erfahrenen und verstandenen verschiedenen Seiten einer Erfahrung bei einer folgenden ähnlichen Entscheidungssituation wirklich berücksichtigt werden und dabei allen Beteiligten weitgehend klar ist, welche Folgen ein Wunsch, ein Plan oder eine Handlung bei ihnen allen jeweils haben würde, jedenfalls soweit sie davon mittelbar oder unmittelbar betroffen wären. Kurzum: dem Schicksal scheint es viel öfter um vollständige und wahrhafte Akzeptanz (statt Leugnung) von Zusammenhängen und ehrlicher Auswertung von Erfahrungen zu gehen als um „äußerliche Gerechtigkeit“ (z.B. in Form von Rache oder Strafe) oder gar um endlose sture Fortsetzung von Konflikten, aus denen nichts gelernt wurde. Meiner Meinung nach sollten wir aus dieser interessanten und wesentlichen Erkenntnis mehr Konsequenzen für unsere Rechtsprechung, unsere sozialen Umgangsweisen, aber auch für unsere politischen Entscheidungen ziehen. Bemerkenswerterweise gilt das alles nicht nur für „Fehler“ sondern auch für das, was wir „große Erfolge“ oder „großes Glück“ nennen. Alles hat seine Kehrseiten, die immer zu einem „Erfahrungskomplex“ gehören und eigentlich in ihren ganzen Bezügen entsprechende Beachtung erfordern. Die Einbeziehung von mehr (auch hintergründigen) Aspekten eines Erfahrungskomplexes z.B. im zwischenmenschlich-sozialen Bereich bei den Entscheidungsprozessen könnte dann unseren gelassenen, freundlichen Blick wieder mehr auf das Befinden unserer Mitmenschen und auf die eher leise Mitte bzw. Herkunft der Dinge und Ereignisse (auch in uns selbst) richten als auf deren extreme (bzw. laute) Ausprägungen, – welche unseren angstvollen und deshalb sensationslüsternen Gemütern so oft von den Medien als Spiegel unserer eigenen inneren Haltungen, also aus gutem Grund, präsentiert werden. Wir verweigern uns nur oft den angemessenen und vernünftigen Schlussfolgerungen.…

4. Die Widersprüche dieser Welt und ihre Auswirkungen in und auf uns Menschen weisen nicht auf eine zerrissene Schöpfung hin, sondern auf einen Mangel an Wahrnehmungs– und Integrationsvermögen bei uns Menschen. Unsere Konzepte sind oft noch viel zu klein, vielleicht zu arm, sicher zu eng. Dass unser Denken und damit unsere Erfahrung der Welt so stark sequentiell/historisch geprägt ist und wir trotzdem doch offensichtlich wenig oder nichts aus der Geschichte – weder individuell noch als Gesellschaft – gelernt haben, hat damit zu tun, dass so viele von uns nie den eigenen Blick zu einer größeren Schau auch auf die untergründigen Zusammenhänge weiten wollten. Stattdessen kämpfen sie mehr oder weniger mühsam (an der Oberfläche jeder der drei spürbaren Ebenen) um das eigene Überleben, also nicht nur auf der materiellen, sondern auch und sogar öfter auf der emotionalen (akzeptieren und akzeptiert werden) und oft auch auf der geistigen Ebene (um’s grundlegende Verstehen) – ohne dabei aber auf das ganze integrierte Bild zu schauen. Das mag ja zweifellos legitim sein, führt dann aber nicht aus den ebenen-übergreifenden „Teufelskreisen“ (d.h. den paradox-gegensätzlichen Interpretationen von Beobachtungen bzw. Erlebnissen) heraus, in denen wir als Individuen wie auch als gesellschaftliche Gruppen immer noch und immer wieder gefangen sind.

5. Ich beobachte auch, dass ziemlich wenige Menschen gerade auch in den reichen Ländern wirklich in Kategorien der Fülle und Großzügigkeit denken, obwohl sie davon viel öfter umgeben sind, als ihnen bewusst ist bzw. sie dies wahr haben wollen. Und wenn sie doch begriffen haben, dass es ihnen gut geht, nehmen sie oft – ohne entsprechende Bereitschaft zum Geben. Deshalb können sie auch nicht loslassen, wo Selbstbeschränkung uns allen helfen würde, die notwendigen Gleichgewichte zu halten. Ich nehme mich übrigens nicht aus und halte mich nicht für besser, jedoch auch nicht für schlechter als meine Mitmenschen. Gerade meiner eigenen Erfahrungen mit meinen ziemlich durchschnittlichen Hoffnungen und Ängsten wegen weiß ich aber, wovon ich spreche: Die nachhaltige Lösung von Widersprüchen ist regelmäßig nur dann möglich, wenn alle beteiligten Seiten grundsätzlich gleichwertig einbezogen werden und bereit sind, eigene Pläne zu überdenken und die Pläne der „Gegenseite“ nicht zu verteufeln, sondern immer in ernst gemeinte Verhandlungen einzutreten und dabei so weit wie möglich angstfrei an der eigenen Großzügigkeit festzuhalten. Der dialektische Ansatz ist da im Prinzip hilfreich, die Frage ist, wie er umgesetzt wird. „Die Wahrheit“ ist für uns Menschen eigentlich nie mit nur einer einzigen Sichtweise / einem einzigen Blickwinkel zu erreichen, ja oft noch nicht einmal zu ahnen. Außerdem erscheint uns Wahrheit, weil wir selbst durch und durch dynamische Wesen sind, weder in unserem Geist noch in der Außenwelt als etwas Statisches! – Wir hätten das nur gerne. Das gilt sowohl dann, wenn wir uns ihr als Einzelwesen wie auch, wenn wir uns ihr als ganze Gesellschaftssysteme bzw. als „historische Zeitgeistcluster“ nähern wollen. Stets werden sich nur immer wieder dynamische Teile der ganzen Wahrheit erkennen lassen! Für mich heißt das: alle absoluten Ansprüche einer Sichtweise auf „die Wahrheit“, ob sozial, wirtschaftlich oder religiös (oder beliebige andere Gebiete betreffend) sind stets und mit Recht relativierbar. Sie sind nämlich immer sehr wesentlich auf die jeweilige(n) Gegenseite(n) im dynamischen, oft auch mehr oder weniger widersprüchlichen Kontext bezogen und doch wären sie ohne diese Gegensätze eigentlich – jedenfalls so – gar nicht richtig erkennbar. Denn wir sammeln doch nur Erfahrungen und entwickeln uns, wenn wir die mit den verschiedenen Seiten eines Themas verbundenen Widersprüche (meist sequentiell) durchschreiten. Aber mit einem solchen Meta-Bewusstsein im Hintergrund sollte ein Mensch mit gesundem Verstand doch zumindest für möglich halten, dass die jeweilige „Gegenseite“ bei praktisch allen Konflikten, auch bei Widersprüchen mit sehr heftigem Konfliktpotential, stets als prinzipiell gleichwertig zu der eigenen augenblicklichen Position anzusehen ist und geachtet werden sollte. Nur dann haben nämlich beide Seiten keinen Grund, den eskalierten Konflikt schließlich kriegerisch – womöglich sogar mit tödlichen Waffen – auszutragen – sondern dann könnten sie ihn im Sinne der leidenden Menschen und auch vor dem Urteil der Geschichte – mit gegenseitigen Zugeständnissen friedlich beenden.…

6. Und zum Schluss noch ein paar Worte über den Hass: Ab wo im Konflikt ist es Hass? – Da wo eigene Lösungsvorschläge nur noch vorgeschoben und nicht wirklich ernst gemeint sind bzw. die bedingungslose Kapitulation der „Gegenseite“ angestrebt wird, da wo kein gemeinsamer Weg mehr möglich scheint, sondern die vollständige Kapitulation des Gegners oder seine Vernichtung angestrebt wird. Da wirkt der Hass und er ist keine „einfache Emotion“, sondern eine (leider ziemlich weit verbreitete, dem Zeitgeist entsprechend) abgründige Krankheit. Ich möchte das als Diagnose, nicht als Urteil verstanden wissen. Meist beginnt der Hass mit einigen kleinen Ablehnungen, dann folgen (meist beidereseits) erst subtile, danach deutlich spürbare Ängste. Man sollte das nicht verdrängen… sondern untersuchen, selbst untersuchen, genau untersuchen! – Die Angst macht alles eng (das sagt ja schon das Wort bzw. der Wortstamm: „ang“= „eng“). Also werden insbesondere die Blickwinkel enger und auch weniger und die Ablehnungen werden kompromissloser und alternativloser. Darauf reagiert die Umwelt/Gegenseite natürlich – als Spiegel – und zeigt ebenfalls Ablehnung und Angst. Schließlich glaubt jede(r), er/sie sei nur noch umgeben von Verrätern und Feinden. Klar, dass es alle Stufen dieser Eskalation gibt, aber keine von ihnen ist angenehm und alle haben negative Wirkungen auf den drei Ebenen: Körper, Seele und Geist. – Wer klug ist, beobachtet und untersucht sich selbst immer mal wieder auf die Symptome – mutig ergebnisoffen und in regelmäßigen zeitlichen Abständen. Und wenn man sie bei sich entdeckt? Dann ist es richtig und hilfreich, vor allem tiefer in sich selbst nach liebevoller, freundlicher und fröhlicher Entspannung zu suchen. Das erfordert an erster Stelle eine aktive und entschlossene Relativierung aller Befürchtungen und eine neue Einordnung der scheinbaren und echten Bedrohungen. Das ist dann für die meisten Kontrahenten erst mal schwierig … aber nur so steigt man (allem Zweifel zum Trotz) aus der Logik der Angst aus und dann kann man sich auch wieder an alte gute Erlebnisse erinnern, die das Leben ohne Angst und Hass zeig(t)en. Diese Wahrheit gibt bzw. gab es ja auch! – Und wenn man dann wieder ergebnisoffen verhandeln kann, ist das Schlimmste ausgestanden. Aber um der Klarheit willen: Die meisten Hassenden sind sich dessen nicht bewusst, dass es unmöglich ist, nur andere Menschen zu hassen. Das ist das wirklich Gefährliche am Hass: man hasst sich selbst immer auch mit(!) – ?warum? -weil das eine Eigenschaft des Hasses ist : er akzeptiert keine Grenze, nicht nach innen, nicht nach außen! … und das bleibt eben nicht wirkungslos auch bei bei Gesundheit, Glück und Gelassenheit aller Beteiligten. Wer tatsächlich genau hinsieht, wird das erkennen. (Interessanterweise ist das bei der Liebe ähnlich. Sie kann ebenfalls grenzüberschreitend wirken, allerdings wird sie sich dabei stets sehr bemühen, niemanden und nichts zu verletzen.)

Glücklicherweise existieren eine Reihe erfolgversprechender Techniken, die auch in vom Hass geprägten Situation einen Heilungsweg öffnen und unterstützen. (Ich erwähne hier nur beispielhaft die gewaltfreie Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, werde das aber nicht im Einzelnen ausführen, dies scheint mir nicht der Ort dafür…) Dass dieser oder jeder ähnliche Weg einen festen Willen und eine klare Entscheidung, aus dem Elend auszusteigen, voraussetzt, sollte man jedoch immer im Blick behalten bis man sich wieder weitgehend angstfrei und gesund fühlt. Man muss nur einen Weg suchen, der zur eigenen Lebenslage und Persönlichkeit passt, dann führt er auch sicherlich und spürbar Schritt für Schritt aus dem Abgrund….