Menschlichkeit…..

Viele Weise und Menschheitsführer aus aller Welt haben schon Hinweise und Gedanken zur „Menschlichkeit“ hinterlassen. Aber die Erfahrung zeigt, dass wir Nachgeborenen dazu tendieren, uns über diese Äußerungen mehr zu streiten als sie dem Ernst der Lage angemessen zu beachten. Das erscheint mir angesichts der Allgemeingültigkeit des Themas jedoch durchaus unangebracht und deshalb will und kann ich im Folgenden weder eine einzelne Weltsicht noch eine bestimmte Religion einer anderen vorziehen, denn im Grunde haben alle Sichtweisen irgendetwas Wertvolles zum Verständnis unserer Menschlichkeit beigetragen.

Aber – was soll dies Wertvolle sein? Es gibt so viele Menschen, die nie erlebt oder völlig vergessen haben, wie sich Glück anfühlt. Oder sie denken, dass sie nur glücklich sein könnten, wenn sie über soviel Macht oder Besitz oder über irgendetwas anderes Wertvolles oder Großes verfügen können, wie „die Reichen“ oder „die Mächtigen“. Und solange das nicht so ist – entscheiden Sie sich, unglücklich zu sein … und zu bleiben. Diese Entscheidung ist viel öfter, als sie selbst meinen, eigentlich ihre eigene und freie Entscheidung (denn sie denken sich unglücklich – wieder und immer wieder!), weil sie glauben, dass das Schicksal sie unfair behandelt – oder sie aus unerfindlichen Gründen für irgendwelche alten Fehler oder Unzulänglichkeiten bestrafen will. Denn das haben sie gelernt (und praktizieren es selbst): auf Fehler folgen Strafen. Weil aber trotzdem die Zusammenhänge nebulös und deshalb die wahren Gründe uneinsehbar bleiben, wächst in ihnen der Trotz – nun gerade! „Glück – ha, was soll das sein!? Mit mir spielt doch das Schicksal böse Spiele! Da kann/muss ich eben böse zurückspielen!“ Und so haben sie angefangen, die Umwelt zu beschimpfen und alles, was Ihnen begegnet, negativ zu interpretieren oder zumindest der Bosheit zu verdächtigen. Das universelle Gesetz, das sie nicht verstehen, heißt aber: „wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!“ oder „die Art der Aufmerksamkeit bewirkt die Art der Manifestation!“ und das heißt : sie bauen so immer weiter an Ihrer Überzeugung des eigenen Unglücks – kraftvoll und erfolgreich…. – Das ist nun keine Beschimpfung meinerseits, ich will nur den Blick auf diesen Zusammenhang lenken! Die Art zu denken hat einfach immer sehr weitreichende Folgen bezüglich der Perzeption der Welt und unserer Erfahrungsbewertungen.

Und den vielen Generationen vor uns? Erging es nicht anders. Und wenn es auch immer wieder weise und gütige Menschen gab, die das Gesetz verstanden hatten und nun versuchten, ihren Zeitgenossen und deren Nachkommen den Zusammenhang klar zu machen, waren Zorn und Trotz doch oft so viel stärker.

Ob Zoroaster, die Weisen der Veden-Zeit, ob Moses, der Buddha Shakyamuni, ob Jesus Christus oder Mohammed, aber auch Forscher und Denker wie Heraklit, Newton, Kant, Hegel, Freud, Jung, Kopernikus oder Einstein – sie alle haben nicht nur ihre Zeitgenossen gemeint, sondern auch versucht, später Geborene, die hinhören wollten, mit ihrer Liebe und ihren tiefen Einsichten zu berühren und zu unterstützen. Sie haben zeitlose Fährten gelegt und Hoffnungen geweckt und sind wieder gegangen – um uns Anderen unserer eigenen Mühe beim Verstehen der Hintergründe der Welt und unseres Innenlebens zu überlassen. Dahinter steht die Einsicht, dass wir trotz vieler neuer versöhnlicher und guter Ideen (und der daraus folgenden Glücksgefühle) nur dann nachhaltig lernen, wenn wir uns nicht nur auf die geistigen Heroen der Menschheitsgeschichte verlassen, sondern uns alle selbst um Einsicht und Verständnis bemühen (müssen), inklusive aller Wirrungen und Irrungen, die uns auf diesem nicht immer einfachen Weg begegnen.

Dabei sollten wir auch die schrecklichen Erfahrungen der Menschheit nicht übersehen/vergessen/verdrängen. Die großen Kriegsherren und Machthaber der Weltgeschichte (z.B. Alexander der Große, Cäsar, Hitler, Stalin, Idi Amin, aber auch in der letzten Zeit … Nixon, Trump oder Putin etc.) tragen nicht allein die Last der Verantwortung und Schuld. Damit will ich sagen, dass sie durchaus alle wichtige Persönlichkeiten waren bzw. sind, aber da waren und sind auch viele, sehr viele andere, ähnlich (wie sie) im Kleinen und im Großen denkende und wirkende Menschen – ohne so bekannte Namen, die ebenfalls eine mehr oder weniger bedeutende Rolle in der Geschichte der Bewusstwerdung der Menschheit spiel(t)en. Keiner von „den Großen“ hätte seine Wirkung entfalten können, wenn er nicht von vielen Zeitgenossen dabei unterstützt worden wäre. Das ist eine sehr wesentliche Wahrheit und man kann das nur richtig einordnen, wenn man die Historie als Ganzes betrachtet und auch nicht gleich alles in ‚gut‘ und ‚böse‘ trennt.

Gewiss waren Propaganda, falsche Informationen, zornige oder herrschsüchtige Charaktére und harte Forderungen und Bewertungen in allen Fällen mit im Spiel, aber immer wurden die vielen Eskalationen nur auf der Basis verbreiteter Irrtümer, wirkender Propaganda und lebensgeschichtlich bedingter, konflikt-fördernder Sichtweisen auf die Welt bei den vielen anderen, ungenannten Mitmenschen möglich.

So hat es auch Khalil Gibran in „Der Prophet“ im Kapitel über „Schuld und Sühne“ gesehen :

Doch sage ich Euch: Wie der Heilige und Gerechte nicht höher steigen kann als das Heiligste, das in jedem von Euch wohnet, ebenso kann der Böse und Schwache nicht tiefer fallen, als das Niedrigste, das in Euch liegt. Und wie ein einzelnes Blatt nicht vergilbt, ohne das stumme Wissen des ganzen Baumes, so kann der Übeltäter kein Unrecht tun, ohne den verborgenen Willen von Euch allen!

Diesen Hintergrund sollte man nicht vergessen, wenn man zu einer einigermaßen fairen Einschätzung der Lage der Menschheit kommen will ….. und das macht – hoffentlich nicht nur mich – doch sehr nachdenklich …. und motiviert noch genauer und nachhaltiger hinzu- schauen:

„Schuld und Sühne“ sind bei jedem Einzelnen von uns vor allem Werkzeuge des Erkennens der Wahrheit hinter der Fassade – und deshalb letztlich Werkzeuge des Glücks und führen schließlich auch zum Glück. Doch (noch) nehmen so viele Menschen die Fassade für die ganze Wahrheit und damit beginnt immer das Elend : mit der heftigen Sehnsucht danach, geliebt zu werden – als ob Liebe etwas passives wäre …. das ist das erste und grundlegende Missverständnis! Gewiss macht es glücklich, geliebt zu werden, aber darüber darf man nicht vergessen, dass wir immer eigentlich zuerst (auch uns) selbst wahrhaft lieben müssen, wenn wir geliebt werden wollen. Und wenn dann die Sehnsucht nicht gestillt wird, weil der eben erwähnte Zusammenhang nicht verstanden wurde, dann iwächst das Bedürfnis Schritt für Schritt zu einem heftigen und schließlich krankhaften Verlangen – ‚wenigstens‘ nach Akzeptanz. Und wenn „nicht mal Akzeptanz“ erreicht wird, entsteht daraus oft und bald ein rücksichtsloses Begehren, das sogar in Hass umschlagen kann. Darin verbirgt sich dann vielleicht die Hoffnung, dass den ganzen Geschehnissen immer nur Intensität gefehlt haben …. und der Hass diese Intensität freisetzen könnte. Doch spätestens da ist die ursprüngliche Suche nach wahrer Liebe schon vergessen. Und aus der übrig gebliebenen hohen Intensität wird ganz schnell grenz-verletzendes und dann manchmal sogar mörderisches Handeln, das aber allen anderen schließlich als „gerechter Krieg“ verkauft wird und (im Extremfall) nicht nur die Leben der Opfer, sondern auch die Menschlichkeit aller Kämpfenden zumindest bedrohen und schließlich tatsächlich zerstören kann.

Menschen, die sich nicht geliebt fühlen, entwickeln also sehr oft Zweifel an ihrem (Selbst-) Wert. Und was sich dann schließlich (ersatzweise) manifestiert, ist ein gravierender Irrtum: dass spezielle Begabungen, erworbene Fähigkeiten, ererbte Vorteile oder gar Besitztümer etwas über den Wert eines Menschen aussagen. Irgendwie ahnen sie ihren eigenen Wert ganz tief innen, aber dann denken sie, sie müssten ihn „messen“ – weil die Umwelt auch alles „misst“… Und so machen sie sich einen Glaubenssatz zu eigen, den sie schließlich „mit Zähnen und Klauen“ verteidigen : „Ich bin besser als Du!“ bzw. „ich muss besser sein als Du!“

Aus dieser – völlig unverantwortlichen und missverstandenen – Überzeugung speisen sie nun ihr Selbstwertgefühl und versuchen damit Dynamit an ihr Bewusstsein von der Wahrheit zu legen, dass alle menschlichen Körper nackt, blutig und wehrlos aus dem Mutterbauch gepresst wurden und schließlich genauso nackt und wehrlos im Feuer, in der Erde oder im Ozean vergehen werden. Entsprechend denken sie auch, dass Sprache, Kultur oder Glaube einen essentiellen Unterschied machen. Sie führen Kriege und bewirken dass sich ganze Völker aus dieser Überzeugung heraus gegenseitig morden und sie zerreissen selbst dabei das größte Geschenk, das ihnen ihre Natur schenken wollte: die Fähigkeit sich als Liebende zu erleben und wahrzunehmen.

Das ist die immer wieder in der Geschichte der Menschheit erkennbare tragische Karriere des Elends und sie basiert auf einem Missverständnis dessen, was uns wirklich zu wahrhaften MENSCHEN macht.

Man kann das auch anders formulieren : wer die Fassade der Menschen als Einzel-Wesen ohne ihre Wurzeln im DU als Wahrheit akzeptiert, der wird den Weg, dessen Trittsteine „Tränen, Schmerz, Schuld und Sühne“ heißen, nicht vermeiden können. – Und das eigentlich schreckliche daran ist nicht, dass es Irrtümer, Konflikte, Verzweiflung und Wünsche nach Macht und Rache gibt, sondern dass wir dann oft verzweifelt und nicht selten sogar niederträchtig handeln, ohne bedenken und sehen zu wollen, welche tragischen Folgen daraus für unsere (nicht nur menschliche) Umwelt und damit auch für uns selbst ganz unvermeidlich entstehen.

Aber wenn nicht so, wie denn dann?

Nun, wäre es gerade anders herum nicht deutlich besser? Zuerst muss man verstehen, dass Liebe nicht „Begehren“ ist, also natürlich auch nicht körperliches Begehren (!) und ebenfalls nicht Begehren nach Anerkennung, Achtung oder Freundschaft. Liebe ist vielmehr opferbereite Hingabe und die Bereitschaft, immer wieder (~7 mal 77 mal) zu verzeihen! Diese Verwechselung ist die Ursache endlosen Elends. Denn erst im losgelassenem Verlangen wird die (aktive) Liebe im eigenen Selbst wieder wirklich spürbar und im liebevollen Geben und im offenen Herzen leuchtet – irgendwann – plötzlich, unerwartet – und völlig still ein tieferes Verstehen auf:

Der Liebhaber klopfte an die Tür zum Heim der Geliebten und sie fragte: „Wer klopft an?“ Er antwortete „Ich bin’ s, dein Liebster!“ Aber wie er auch flehte und was er auch versprach, sie antwortete stets: „Ich kenne Dich nicht!“ und die Tür blieb verschlossen. Da ging er schließlich in die Wüste und begann über sein Erlebniszu meditieren. Nachdem er zur tiefen Ruhe gefunden hatte, kam ihm eine Einsicht und er ging wieder hin und klopfte und als sie fragte: „Wer klopft an?“ antwortete er: „Du bist es!“ – da wurde ihm sogleich aufgetan…

Wir sind nicht so getrennt und vereinzelt, wie wir oft glauben oder fürchten. Denn wenn wir wirklich hinschauen (wollen), können wir uns selbst – sogar häufiger und tiefer als im Spiegel – im Mitmenschen erkennen. Doch wird dies Verständnis der Rolle von Fassade im Vordergrund und Wahrheit im Hintergrund immer wieder vom Schicksal getestet.

Dabei wäre es ein fataler Irrtum, wenn man sich auf Grund der gewonnenen Einsicht mit naiver Offenheit durch jeden böswilligen Angriff verletzbar machen wollte. So ist dieser ‚Einheitsgedanke’ nicht gemeint. Wesentlich ist vielmehr, sich auch in jeder Art von Verzweiflung oder Angriff von außen stets das Wissen um diese tiefere Grundlage des menschlichen Miteinander-Lebens, dieser Verbindung hinter den Fassaden zu bewahren – sogar wenn man sich wehren muss, um selbst zu überleben. Entscheidend ist dann, dass man ernsthaft versucht, immer so wenig – und nicht so viel – wie möglich zu zerstören.