Karma

Ist Gerechtigkeit in einer Welt der Ungleichheiten, in der es Willkür der Mächtigen und unbeherrschte Gier der Schamlosen gibt, überhaupt möglich? Und was ist mit den vielen ungesühnten Verbrechen – und den viel zu hart bestraften Vergehen?

Was von den Menschen als angemessener Ausgleich bzw. als angemessene Bestrafung angesehen wird, ist überdies in vielen Fällen kultur- und zeitgeist-abhängig und was an Tat und Ausgleich wirklich vollzogen wird, hängt auch davon ab, wie und ob ein Zugriff von Täter auf Opfer, aber auch von Obrigkeit bzw. Opfer auf Täter gerade möglich ist – oder eben gerade nicht.…

Und wer von uns hätte nicht schon Wünsche oder Ängste erlebt, die die gesellschaftlichen Normen oder sogar grundlegende ethische Gesetze verletzten – vielleicht nur im Ansatz, aber jeder kennt diese Empfindung in Bezug auf eigene Handlungs- und Denkweise : „Das war ganz und gar nicht recht!“ – Wer nicht verdrängt und vergisst, sondern sich dessen bewusst bleibt, der weiß auch später noch: eine Verurteilung und vielleicht sogar mancher „Steinwurf“ wäre auch in Bezug auf das eigene Denken und Handeln gerechtfertigt gewesen! Im Sinne einer universellen und wahrhaften Gerechtigkeit würden wir uns also gleich selbst mit-verurteilt und gerichtet haben müssen.

So ist die Sachlage!…. Doch die universelle Liebe, aus der heraus die ganze Schöpfung gestaltet wurde, sagt etwas Anderes um Strafen und (Selbst-)Verdammung ein Maß zu setzen :

Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“

Aber wenn wir den ersten Stein nicht werfen, den harten Schuldspruch nicht aussprechen, das Urteil nicht vollstrecken sollen, wozu gibt es dann Regeln? Denn offensichtlich ist : ohne allerseits anerkannte und tatsächlich befolgte bzw. sanktionierte Regeln gibt es (in unserer Welt) keine funktionsfähige Gesellschaft, keine lebendige Kultur.…

Müssten wir vielleicht nur einfach unsere Regelwerke überprüfen und ändern, uns in ihnen eine andere Perspektive öffnen?! – Jesus wurde von den Pharisäern gefragt, wie das göttliche Gesetz laute – sie wollten ihn auf’s Glatteis führen, womöglich bei einer Gotteslästerung ertappen. Aber er antwortete mit einem uneingeschränkt gültigen Satz:

Liebe Gott und Deinen Nächsten wie dich selbst! Das ist das ganze Gesetz, alles andere ist menschen-gemachter Zusatz!“

Mit dieser Antwort hatte Jesus den Provokateuren den Wind aus den Segeln genommen und zugleich eine ganz neue Perspektive gefordert. Die Schriftgelehrten wussten sehr wohl, dass Gott auf dem Berg Sinai zu Moses dasselbe gesagt hatte und die 10 Gebote nur gegeben wurden, weil die Menschen dieses eine Gesetz nicht halten wollten/konnten.

Falls der Satz des Jesus aber wirklich das göttliche Gesetz ist, dann sollten doch eigentlich auch krasse Ungerechtigkeiten nicht ohne Folgen für die lieblosen Täter bleiben. Die Täter sollten sich mit deutlichen Forderungen nach Selbstkorrektur – und „Nichtwiederholung“ konfrontiert sehen, alles Andere wäre doch eine Verletzung universeller Liebe – zumindest im Hinblick auf die unschuldigen Opfer. Die uns allen bekannte Zeitgeist- und Kulturabhängigkeit der menschlichen Rechtlichkeit wirft zudem die Frage auf, ob wahre Gerechtigkeit nicht eigentlich doch wesentlich größere Aspekte (z.B. in Raum und Zeit und ein grundlegenderes Verständnis der Zusammenhänge betreffend) – als bislang praktiziert – haben müsste?

Aber wenn es sie denn gäbe, wie könnte eine solche Gerechtigkeit aussehen?

Da es offensichtlich größere, mehr oder weniger hintergründige Bedeutungs- und Erlebnis-Zusammenhänge gibt, die auch über die Lebensgrenzen vieler Täter und Opfer hinaus reichen, müsste eine liebevolle Gerechtigkeit, die den Namen wirklich verdient, also auch über diese Lebensgrenzen in Zeit und Raum hinausreichen und sowohl Ausgleich wie Lernen aus Handlungen und ihren Folgen lebensbogen-übergreifend möglich machen. Erst damit wäre dann die Bewusstwerdung aller Blickwinkel möglich, unter denen ein Geschehen tatsächlich verstanden werden kann. Doch setzt dies die Existenz einer sehr subtilen Bewusstseinsebene in uns allen voraus, die überdies nicht mit dem Körpertod sterben dürfte.

Im Umkehrschluss könnte man deshalb die Logik des göttlichen Gesetzes also als Hinweis darauf verstehen, dass unser bewusstes Sein nicht mit dem Tod des physischen Körpers endet. Die Frage, ob dann Sprache und Gedanken noch in derselben Weise fortbestehen und ob immer dieselben Seelen-Wesen oder neue Mischungen seelischer und geistiger Substrukturen sich in der physischen Welt neue Körper nach dem Tod des vorigen schaffen oder ob die Wahrheit diesbezüglich noch ganz anders aussieht, ist damit natürlich nicht beantwortet. Vielleicht gibt es da mehr Möglichkeiten für Gedanken- und Lebensformen und unsere diesbezüglichen Vermutungen sind generell viel zu klein und deshalb grundsätzlich falsch. Doch das ist für unsere Fragestellung letztlich unerheblich…

Johannes sagt am Anfang seines Evangeliums, dass Gott universelle Liebe sei. Aber würde eine solche große Liebe nicht letztlich totale Beliebigkeit bedeuten? Auch das ist eine wichtige Frage.

Ich denke, man sollte Liebe nicht als Verlust der Unterscheidung von gut und böse, richtig und falsch missverstehen, sondern vor allem als aktive Bereitschaft zur Tolerierung anderer Sichtweisen und zum Verzicht auf alle Arten von schnellen und harten Verurteilungen. Schon das wäre keine kleine Leistung! Darüberhinaus steht Liebe bereit, überall dort tatsächlich zu helfen, wo Hilfe gebraucht wird – ohne sich aufzudrängen.

Göttliche (und menschliche) Liebe erspart uns also nicht, selbst und richtig zu entscheiden, wann, wie und wohin zu handeln sei. Im Gegenteil: sie sieht sicher genau hin, achtet (auch auf unserer Ebene) Grenzen und vermeidet Verletzungen, wo immer möglich, ist dabei aber weder naiv noch ganz oder teilweise blind. Da wo ich wirklich geliebt habe, war immer ein Gefühl größerer Wachheit und verminderter Angst spürbar. Deshalb bedeutet Liebe (jedenfalls für mich) ein umfassende(re)s Bewusstsein und bewirkt durch ihre verbindende und weitende Energie, die den Mut vermittelt, alle Wahrnehmungen zu untersuchen, dass wir nie vorschnell urteilen, sondern die Dinge zuerst in einen sorgsam als wahr und richtig empfundenen Kontext setzen sollten, um dann ein echtes und tieferes Verständnis anzustreben. (s. 1. Kor. 13). Darüberhinaus scheint mir, dass wir das Göttliche missverstehen, wenn wir unsere Maßstäbe daran anlegen: göttliche Liebe ist gewiss vorbehaltlos in einem Ausmaß, das wir uns nicht vorstellen können. Aber das Göttliche ist auch wahrhaftig und deshalb bewirkt seine Liebe, dass wir die Folgen, von dem, was wir tun, auch selbst erfahren.

M.M.n. heisst das, dass schließlich auch in unserem Bewusstsein unser aktives Handeln und unser passives Erleben zu zwei Seiten derselben „Sache“ werden. Denn beide formen ja eigentlich mit gleicher Wertigkeit unser Leben, da sie sich gegenseitig bedingen.

Aus dem Bewusstsein und Gesetz der Liebe könnte also ganz praktisch folgen:

Was einer aktiv tut, wird er auch (in irgendeiner, möglicherweise anderen Form) passiv erleben.

Wir sagen : was einer zufügt, wird er auch erleiden, aber das muss man nicht so „negativ“ verstehen. Strafe und natürlich auch jede Form von Rache ist eine menschliche Kategorie. Umfassende Wahrheit einer Angelegenheit, erkannt aus verschiedenen, gleichberechtigten Blickwinkeln, hat etwas von einem göttlichen Aspekt.

Doch dann gilt der Satz notwendigerweise auch umgekehrt:

Was einer passiv erlebt, wird er irgendwie und irgendwann auch aktiv vollziehen

bis eben das umfassende Bewusstsein dieses Teiles der ganzen Wahrheit in dem betreffenden Wesen hergestellt ist. Das bedeutet, dass der Handelnde u.U. eine doppelte Verantwortung trägt, nicht nur für das, was er zugefügt, sondern auch für das, was er im Anderen ausgelöst hat…!

Tatsächlich sprechen einige Beobachtungen dafür, dass beide Zusammenhänge Teil unserer Welterfahrung sind – und das sollte uns doch sehr zu denken geben! Allerdings scheint es in beiden Fällen möglich zu sein, die Art und Weise des Vollzugs bzw. des Erlebens zu modifizieren bzw. modifiziert zu erleben und z.B. an neue äußere (und innere) Gegebenheiten, wie an schon geschehene charakterliche Weiterentwicklungen, anzupassen.

Falls diese Zusammenhänge so oder ähnlich aus dem göttlichen Gesetz folgen, könnten sie durchaus universelle Gültigkeit haben.

Trotzdem müssen natürlich Aktivitäten und Folgen keineswegs in gleicher Form, Menge oder Intensität auf der jeweiligen „Folge-“Seite des Geschehens erscheinen, obwohl das Eine sehr wohl mit dem Anderen zusammenhängt. Auch zeitliche und räumliche Entfernung spielen – wenn überhaupt – dann nur untergeordnete Rollen. Das macht die Identifikation der untergründigen Zusammenhänge schwierig und lässt manche Vermutung von Bedeutung und Verbindung recht willkürlich erscheinen – und doch kann man manchmal auch als Nicht-Eingeweihter solche merkwürdigen „inneren Bedeutungsverbindungen“ zwischen Erlebnisinhalten ahnen oder sogar deutlich spüren.

Die östlichen Religionen nennen diesen Zusammenhang „Karma“. Wir im Westen haben daraus: „Die Rache des Schicksals“ gemacht und so unsere darauf bezogene Angst und unseren Widerstand betont, aber dabei die Chancen, die das Konzept bietet, vergessen oder gar nicht erst begriffen.

Aus dem Gesagten folgt (jedenfalls für den Autor), dass eine solche Sichtweise auf die Dinge die Chance bietet, zu verstehen, dass göttliche Gerechtigkeit nicht auf Rache, sondern auf Bewusstwerdung und tieferes Verstehen und den daraus folgenden Ausgleich zielt und deshalb – trotz aller Dynamik des Weltgeschehens – letztlich auf Liebe und damit auf Frieden im „Whirlpool“ unserer Welterfahrung angelegt ist.

Denn wer sich der verschiedenen Seiten einer „Sache“ bewusst ist, wird sich selbst tiefer verstehen, wer tiefer versteht, wird weniger und auch weniger hart urteilen, wer weniger und weniger hart urteilt, bleibt leichter und vollständiger im aktiven wie passiven Frieden und wer im (inneren)Frieden lebt, der spürt seine eigene Liebesfähigkeit – und das macht ihn selbst und meist auch andere Menschen glücklicher.

Von einigen Heiligen Schriften und weisen Menschen – übrigens aus verschiedenen Kulturen – wurde betont, dass Gott nicht nur auf unsere Handlungen schaut, sondern noch mehr auf unsere Absichten, die den Handlungen zugrunde liegen. Sollte diese Aussage zutreffen, so folgt daraus, dass das karmische Gesetz auch oder sogar besonders auf der Motivations-Ebene gilt.

Dann hätte aber bereits unser Wunsch nach Eroberung oder Rache ähnliche Folgen wie die vollzogene Eroberung oder Rache und dazu würde passen, dass z.B. (wie Jesus sagte….) das Begehren nach dem Weib eines Anderen bereits dem Ehebruch gleichzusetzen sei.

Nachvollziehbar wird diese Gleichsetzung, wenn wir uns klar machen, wie Verwirklichung entsteht: aus (erst mal unbewussten) Wünschen werden kleine Gedankensplitter und durch Wiederholung dieser Gedankensplitter entstehen erste kleine Begehrlichkeiten, aus wiederholter Begehrlichkeit entsteht Bemühen, aus Bemühen ergibt sich Gelegenheit und aus Gelegenheit und damit verbundenem Bemühen erwächst irgendwann Manifestation.

Die „Entwicklungskette“ dieses Vorgangs hat jede(r) schon oft erlebt, sie ist ein alltäglicher, aber meist nicht ganz bewusster Teil unseres Daseins. Sobald sie bewusst wird, sollte daraus allerdings ein sehr achtsamer Umgang mit den eigenen Wünschen folgen. Sie sind offenbar die Schlüssel – zumindest zu einem Teil unseres Schicksals. Dass so viele Menschen ihre Wünsche jedoch so wenig im Griff haben, ist nicht nur für den Zustand der ganzen Menschheit verantwortlich, sondern könnte im Weiteren durchaus entsprechend desaströse Folgen für das ganze Ökosystem haben – und das, obwohl diesen Folgen keinerlei göttliche „Rache“- bzw. Bestrafungsabsicht zugrunde liegt, sondern wir nur einfach die Folgen unserer Wünsche und Handlungen erleben (müssen).

Diese ganzen Überlegungen legen den Schluss nahe, dass letztlich unsere Wünsche unser Karma bestimmen. Und da zu diesen Wünschen auch der Wunsch nach weltlicher Gerechtigkeit gehört, sollten wir vielleicht auch damit vorsichtiger sein …. Möglicherweise ist genau das mit dem warnenden Bibelzitat ‚„Mein ist die Rache!“, spricht der Herr’… eigentlich gemeint.

Das Karma-Konzept würde dann allerdings auch bedeuten, dass der Ausgleich der gesamten Schicksals-Vorgänge als naturgesetzlich zu verstehen wäre und sich früher oder später gewiss, ja sogar ganz unvermeidlich manifestieren würde. In diesem Falle sollte menschliche Gerechtigkeit aber als Erfüllungsgehilfe des Karma und entsprechend demütig und ausgleichend verstanden und im Sinne universeller Liebe weder hart verurteilend noch rachedurstig oder gar vernichtend, sondern vor allem zur Bewusstwerdung und zur Korrektur verhelfend verstanden werden.

Da übrigens und außerdem größere Liebe in den Beteiligten meist eine schnellere und umfassendere Aktivierung von Karma mit sich bringt, wäre übrigens unter dem Aspekt gewachsener Liebe in einem Menschen dem wiederholten und langen Missbrauch von falschen Wünschen und ihren Folgen eine Art zusätzlicher Riegel vorgeschoben.

Bleibt die Frage, wie man angesammeltem, eventuell heftigem Karma „entfliehen“ kann? Nach den alten Überlieferungen sollte man verstehen, dass Karma ein Aspekt des Ego ist und worin der Unterschied von Ego und liebevoll-geistiger Essenz besteht. Es heißt, dass sich erst mit der Auflösung des Ego in der göttlichen Liebe auch das angesammelte Karma rückstandsfrei auflöst ….

…. doch ist der Abschied vom Ego eben keine ganz leichte Aufgabe…..