Was bedeutet es, ein Mensch zu sein?

Oder – noch deutlicher: was unterscheidet den Menschen vom Tier?

Die Antwort ist ebenso einfach wie erschütternd: Der Mensch erkennt sich im anderen Menschen – nicht etwa nur äußerlich: „Du hast eine Form – wie ich!“

Der Affe erlebt: „Wir gehören zum selben Stamm / zur selben Familie“. Der Affe erkennt Habitus und Fellfarbe usw., aber er erkennt sich selbst nicht im anderen Affen, d.h. er sieht nur die äußere Form und sein Instinkt lässt ihn allenfalls als Anführer die Gruppe zu neuen Futterquellen führen oder lässt den weiblichen Affen mütterlich handeln.

Aber was macht den Menschen wahrhaft zum Menschen? Sicher weder Kraft noch Angst und gewiss auch nicht Macht oder Reichtum, dafür gibt es viel zu viele schlagende Gegenbeispiele für unmenschlich entscheidende und handelnde „Menschen“ mit diesen Eigenschaften, „Besitzständen,“ bzw. Fähigkeiten …. Da muss man also weiter suchen : was macht den Menschen wirklich zum wahren Menschen? Wichtige Entscheidungen, große Pläne, viel Einfluss? All das führt nur zur besseren „Außenweltbeherrschung“, aber scheint kein grundlegender Evolutionschritt zu sein.

Doch wer schon erlebt hat, wie ein geliebter Spielkamerad von einem Dritten oder von einer ganzen „feindlichen“ Gruppe gehänselt oder sogar körperlich gequält wurde und wem es dabei selbst spürbar (auch körperlich) schlecht ging – ohne dabei selbst direktes Ziel der Attacke zu sein, der war dabei an eine Ebene der Kommunikation angeschlossen, die m.M.n. nur wahren Menschen zugänglich ist. Wir nennen diese Ebene: „Mitgefühl“, aber ich denke, es ist noch weit mehr, es ist das Erleben wahrer Menschlichkeit – und schließt die Erkenntnis ein, dass wir tief innen eigentlich alle verbunden sind und das auch wahrnehmen können, dass das keine Einbildung, sondern eine universell existente, aber subtile Kommunikationsebene ist. Diese Kommunikation verbindet alle Wahrnehmenden miteinander und bewirkt eine „Verteilung der jeweiligen Erlebnisenergie“, eigentlich an alle „Teilnehmer“ – also auch an alle gerade handelnden Personen.

Es mag sein, dass wir uns dieser Wahrnehmung verschließen, doch in Wahrheit tun wir uns auch immer selbst an, was wir Anderen antun. Aus meiner Perspektive macht uns erst diese Kommunikation zu wahren Menschen. Es versteht sich, dass sie völlig unabhängig ist von äußerer Erscheinung, Hautfarbe, Herkunft, Sprache und Kultur. Wer sie bewusst erlebt, empfindet sie als wirklich revolutionär: „Ich bin essentiell Du!“ Was diese Sichtweise auslöst und wie tief ihre Wirkung reicht, ändert tatsächlich nicht nur (,aber auch) die Grundlagen unserer Alltagsentscheidungen.

Es ist allerdings kein Zufall, dass ich diesen Hinweis aus der kindlichen Erlebniswelt gewählt habe – tatsächlich sind die Bezüge und Hintergründe dort oft noch nicht so vernebelt und die angstvollen und konfrontativen Haltungen so manifest, oft geübt und zugleich ins Unbewusste verdrängt, dass sie an der Oberfläche des (jeweiligen) Bewusstseins nicht mehr richtig erkannt werden und auch gerade deshalb um so heftiger wirken können.

Der Kant’sche Gedanke des kategorischen Imperativ’s ist also durchaus entscheidend. Aber nicht nur: „Was ich nicht will, dass man mir tu’, das füg’ ich keinem Andern zu….“ sondern (tiefer er- und gegründet): „Was ich Dir zufüge, das füge ich mir selbst zu!“ – nicht platt „mechanisch“, sondern dem, was ich wahrhaft bin….

Im Laufe der menschlichen Geistesgeschichte berichteten immer wieder aufmerksame Beobachter von dieser Einsicht. Das ist also weder historisch neu noch wirklich verborgen und geheimnisvoll, sondern uralt und auch in manchen alten Schriften (wie z.B. der Bhagavadgita und natürlich in der Bibel) erwähnt, aber trotzdem wird diese persönliche Bewusstwerdung, dies eigene Erleben immer wieder als revolutionär erfahren. Und die aus der Einsicht folgende Haltung ändert das ganze menschliche Zusammenleben und macht uns m.M..n. eigentlich erst in Gänze zu wahren Menschen, denn sie zeigt, was „mens(ch)“(=lat. Verstand) wirklich meint: das Verständnis einer tiefer gehenden Selbsterkenntnis und Verbundenheit.

Aber dahin kommen wir nur, wenn wir die Hoffnung in uns nicht loslassen, den Glauben an das sinnvolle Ziel und die eigene Entschlossenheit nicht verlieren und „Gott (die verbindende, liebevolle Energie) in den Nächsten lieben wie (in) uns selbst!“ – Denn mit der nie verlorenen Hoffnung können wir tatsächlich unsere inneren Schwächen besiegen, mit dem Glauben die Zweifel, und mit der Liebe sogar Angst und Hass. Dabei ist nicht entscheidend welche momentanen Rückmeldungen uns unser Erleben (oder ggf. Sterben) gerade gibt. Entscheidend ist, an diesen Dreien möglichst unverrückbar festzuhalten, komme, was wolle!

Ich sage damit nicht, dass all die kriegerischen, hassenden Zeitgenossen keine wahren Menschen sein könnten, ich sage nur, dass sie sich eben so kriegerisch und hassend dieser Resourcen in ihnen nicht hinreichend bewusst werden können und sich deshalb auch nicht vollständig selbst erkennen.

Also ist die erwähnte Verbundenheit nicht jämmerlich (und schon gar nicht kriegslüstern), sondern erfordert und ermöglicht zugleich einen sehr beachtlichen stillen Mut zum friedlichen Miteinander, völlig unabhängig vom „Stand der Beziehungen“, Erlebnisgeschichte, Alter, Geburtsort, Geschlecht, sozialer Herkunft und Nationalität.

Schließlich spielen dann auch alle Arten von Urteilen tatsächlich keine Rolle mehr, denn da muss nichts zerteilt werden (z.B. in richtig und falsch), sondern die grundlegende Einheit wird wieder spürbar, die auf wahrem MENSchlichem (Sich-selbst-)Verstehen beruht.