Zum Begriff „Menschenwürde“

Menschen haben sich im Laufe ihrer (aufgezeichneten) Geschichte immer wieder in Kriegen gegenseitig getötet und auch anders gequält. Wenn wir an den Holocaust mit den ca. 6 Mio. ermordeten Juden oder an den Völkermord in Ruanda 1994 mit ca. 800.000 Toten denken, dann können wir das entstandene Leid, die Angst und den daraus entstandenen Hass, die sowohl im Vorfeld wie auch während der Progrome und dann auch in der Folge noch jahre- oder sogar jahrzehntelang in der jeweiligen Region wirkten, kaum ermessen. Und das sind ja „nur“ zwei besonders krasse und Beispiele für Aggressionsbereitschaft, Frustration und tiefe Trauer, die auch andernorts (weitere Beispiele: Kambodscha oder Vietnam) zwischen vielen Menschen in sehr vielen Ländern auf dem Planeten im Alltag und meist über längere Zeit hinweg entstanden sind, offenbar auch immer wieder entstehen (neuestes Beispiel: Sudan) und die dann sehr oft so furchtbare, oft traumatische Folgen hatten bzw. haben.

Es wäre gewiss eine Illusion, zu glauben, dass solcherlei Geschehen überall und ein für allemal mittels Lernen aus der Geschichte vorbei sein könnte. So einfach ist es offenbar nicht, denn die beteiligten Emotionen sind und waren schon immer nur durch genaue (Selbst-)Beobachtung und festen Entschluss neutralisierbar ….Nein, ich übertreibe nicht und es nützt auch überhaupt nichts, die Geschichte zu leugnen oder sich auf „schlimme Zeiten“ oder auf das eigene alltägliche Leid argumentativ zurückzuziehen: Vielmehr sollten wir hinsehen und zugeben: dass wir alle „Menschenhasser“ werden können, wenn die entsprechenden Umstände und Vorbedingungen vorhanden sind und wir uns selbst nicht sorgfältig beobachten, sondern einfach den Emotionen bzw. den entsprechenden Einflüsterungen folgen, wie man auch hier und heute am vielfach von reiner Wut bestimmten Wahlverhalten in Deutschland erkennen kann!

Andererseits nennen wir uns – im deutschen Sprachraum – „Menschen“ und das Wort ist nicht nur eine biologische Art-Bezeichnung ohne weitere Bedeutung, sondern eigentlich ein Programm: denn „Mensch“ kommt von lat. „mens“ = Verstand und damit ist gemeint, dass wir verstehen wollen oder doch verstehen sollten, was in uns und mit uns geschieht – zumindest solange wir bewusst und wach sind. Umfang und Tiefe dieses Verstehen-wollens haben wir zwar prinzipiell allen anderen Lebewesen auf dem Planeten voraus, aber aus solchen besonderen Fähigkeiten resultieren neben Chancen doch eigentlich auch immer Verpflichtungen. Also … aus meiner Sicht folgt daraus die Aufgabe der Menschen, sich selbst, die eigenen Absichten, das eigene Tun und natürlich dessen Auswirkungen bzw. Folgen zu beobachten, zu verstehen und dann … zu kontrollieren. Übrigens ist diese bewusste Kontrolle offensichtlich in besonderer Weise an den Gebrauch von Sprache und deren logischer Analyse gekoppelt und wird wesentlich von der Fähigkeit ergänzt, Konzepte als solche, und darin Irrtümer und Fehlentwicklungen tatsächlich zu identifizieren und zu korrigieren. Diese Fähigkeit ist sehr erwähnenswert und als solche wesentlicher Teil besonderer menschlicher Begabung.

Das heißt auch, dass erst die vollzogene Kontrolle und Bewertung in Bezug auf das Finden und die Einordnung ethischer (auf das Zusammenleben bezogener) Grundwerte uns eigentlich zu Menschen im ganzen Sinn des Wortes „Mensch“ macht, jede(n) von uns, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Alter, persönlicher Lebenserfahrung und natürlich auch unabhängig von sozialer Stellung, Eigentum (Reichtum) und persönlicher Macht, weil diese grundlegende Fähigkeit zur Bewusstwerdung unabhängig von all diesen Eigenschaften und Lebensaspekten ist – und bleibt. Selbst dort, wo sie gerade nicht genutzt wurde, weil die beteiligten Menschen in Irrtümern oder persönlichen Verletzungen befangen waren, bleibt sie immer wesentlicher (Teil des menschlichen Wesens) und verleiht der ganzen biologischen Art eine besondere, durch nichts Anderes bedingte Würde (einen besonderen Wert).

Um zu verstehen, welchen enormen Unterschied die Fähigkeit zur bewussten Analyse und Kontrolle bzw. Korrektur der eigenen (und fremden) Pläne und Handlungen macht, muss man sich einerseits nur ansehen, wohin unkontrollierte, vor allem emotional motivierte, impulsive Entscheidungen und Handlungen in jeder sozialen Struktur (Familie, Arbeitsumfeld, Wohnort/Gemeinde, Staat) die jeweils beteiligten Menschen schon geführt haben und wie schwierig es oft war, die Folgen vieler fataler Entscheidungen und Handlungen und der daraus folgenden Entwicklungen aufzuarbeiten … und andererseits wie Anerkennung und Umsetzung ethischer Einsichten und Richtlinien auch schwierige Konflikte gelöst und weitere, womöglich eskalierende Konflikte verhindert haben.

Aber dieser grundlegenden Fähigkeit verdanken wir auch die ganze Entwicklung von Kultur und Technik(en). Ohne sie könnten wir nie unsere Ideen und Beobachtungen bis zur „Praxisreife“ immer wieder mit neuen Elementen versehen, von verschiedenen Seiten anschauen und immer wieder weiter entwickeln und korrigieren. Auch das alles verdanken wir dem „Verstehen“!

Dieses allgemein menschliche Potential existiert in jedem Menschen und es ist nicht an seine äußere Erscheinung, auch nicht an seine Persönlichkeit und Individualität gebunden, sondern ist in seinem artspezifischen Genom bzw. Eigenschaftskomplex zu suchen und das heißt, dass bereits das bloße (mehr oder weniger) bewusste Mensch-Sein wertvoll ist. Genau dies bezeichnet man als „Menschenwürde“ (Wert des Menschseins), die in diesem Rahmen dann als bedingungslos zu verstehen ist und deshalb auch Menschen mit allen Arten von Verletzungen und Behinderungen einschließt.

Nun kann man allerdings auch in der jüngsten Geschichte (WK2 bis heute) reichlich Beispiele dafür finden, dass Menschen anderen Menschen – z.B. bei abweichenden politischen Einstellungen – die Anerkennung eben dieser Würde verweigert haben. Und wenn man sich die Eskalationen der Konflikte auf dem Planeten in den letzten 150 Jahren anschaut, dann spielt eben diese Verweigerung vor allem als Initialzündung, aber dann auch als „Futter für die Flammen“ in praktisch allen größeren Konflikten eine entscheidende Rolle. Die Gegner werden nicht mehr als gleichwertige Partner, mit denen man die Konfliktpunkte klären könnte und verhandeln müsste, sondern als Wesen gesehen und behandelt, die ihrerseits wegen ihrer abweichenden Meinungen keine Würde (d.h. keinen Wert) haben und deshalb beliebig verleumdet und gedemütigt und schließlich sogar getötet werden dürfen/sollten.

Dass jeder, der so denkt, so argumentiert und schließlich auch so handelt, sich damit auf einer sehr grundlegenden Ebene eigentlich selbst aus der Gemeinschaft der verstehenden Wesen ausschließt, ist den so entscheidenden und handelnden Individuen oft nicht oder nicht hinreichend bewusst und ebenso tragisch wie unsinnig, insbesondere, wenn er sich selbst durch persönliche (z.B. politische) Macht geschützt fühlt und sich deshalb für sakrosankt hält.

Aber diese Ich-zentrierte Haltung ist tatsächlich ein tragischer Irrtum, denn die Geschichte der Menschheit zeigt eindeutig, dass das Bewusstsein der richtig verstandenen Menschenwürde immer mit dem freiwilligen Verzicht auf persönliche Machtausübung und der wesentlichen Bereitschaft zu verzeihen einhergeht und dass immer, wenn jemand verachtungsvoll die Menschenwürde anderer Menschen in Zweifel zog oder ihnen dieselbe sogar ganz absprach, dies stets der Beginn eines großen Unheils in dem Wirkungsumfeld aller Beteiligten war! (Diese Wahrheit wurde durch die Jahrhunderte von den Mächtigen oft geleugnet und verlacht, aber sie hat endloses Leid erzeugt und gilt auch weiterhin und in besonders krasser Weise für alle Arten von menschenverachtender – auch sexueller – Ausbeutung und Unterdrückung!)

Als Beispiel : weshalb gibt es denn keinen Frieden im Nahen Osten? Weil viele Menschen (und nicht nur) dort mehr oder weniger bewusst immer wieder nach Blut und Rache schreien – auf beiden Seiten. Sie weigern sich, den Wert menschlichen Lebens bei der jeweiligen „Gegen-Seite“ anzuerkennen und wollen nicht akzeptieren, dass aller Hass – letztlich immer auf beiden „Seiten“ – ein tragischer Irrtum ist, jedenfalls in Bezug auf ihr zwischenmenschliches Potential. Wenn Israels „Sicherheits“-Minister Itamar Ben-Gvir dazu aufruft, jede Nacht Palestinenser zu töten, so scheint er sich dessen nicht bewusst zu sein, dass sein Aufruf zur Gewalt sich im Grunde nicht von den Progrom-Aufrufen der Nazis unterscheidet, die schließlich die Kristallnacht und den Holocaust zur Folge hatten. Wobei letztlich nicht entscheidend ist, wer da ruft, sondern was – immer auf beiden Seiten – gedacht und gesagt wird und was schließlich jeweils daraus folgt – und zwar nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Täter – und doch wollen die meist einfach nicht verstehen, was sie tun. Dasselbe gilt auch für alle Gruppen, die sich anderswo auf dem Erdball in tödliche Konflikte verrannt haben. Sie glauben, sich selbst, ihrer Selbstachtung und damit ihren eigenen wie den Interessen ihres Landes zu dienen, aber werfen – wie blind für die überragende Bedeutung der Menschenwürde – mit der Negation der „fremden“, zugleich ihre eigene mit fort.

Diese Aussage ist nicht als Beschimpfung gemeint, sondern soll nur (wieder) ins Bewusst-sein holen, dass es im Grunde nur eine Menschenwürde gibt. Wo sie wirklich bewusst wird, wird auch ihre Unteilbarkeit sowohl im Krieg wie im Frieden offensichtlich, denn dann wirkt sie auf einer Ebene, die alle beteiligten Menschen ohne Unterschied der Nationalität, des Alters, des Besitzes etc. und eigentlich auch von Zeit und Raum einschließt – weil sie in Wahrheit zur „Grundausstattung“ jedes menschlichen Individuums gehört. Aber man kann sich so verhalten, als ob sie für die jeweiligen Gegner nicht gelten dürfe … und dann schützt sie auch die eigene Erfahrungswelt nicht mehr vor der aus dem Hass und aus dem Missverständnis erwachsenden Schuld und dem damit verbundenem Elend.