Krieg und Frieden

Krieg und Frieden

Gerade habe ich ein Interview mit Margot Käßmann, der ehemaligen ev. Bischöfin von Hannover, im Fernsehen angeschaut. Sie argumentiert da sehr tapfer als christliche Pazifistin gegen Aufrüstung und andere Kriegsvorbereitungen. Aber ich finde, sie tut es nicht mit den stärksten Argumenten. Doch es gibt definitiv starke Argumente gegen die Gewalttätigkeit zwischen den Menschen, nicht nur zwischen Einzelnen, sondern auf jeder Ebene sozialen Zusammenlebens.

Denn bei jeder Sorte Gewalttätigkeit gibt es in Wahrheit immer nur Verlierer. Ob sich ein einzelner Mensch als Konfliktpartner oder ein Herrscher über ein großes Land schließlich als Sieger geriert, um ihn herum türmt sich jeweils das mit dem „Sieg“ verbundene Leid der jeweiligen Opfer und trennt so die beteiligten Menschen noch mehr voneinander … und zwar auch, wenn das – möglicherweise sogar auf beiden Seiten – geleugnet bzw. nicht erkannt wird. Damit sind auch die „Sieger“ in Wahrheit Verlierer, denn sie verlieren immer weiter und in jedem Fall nicht nur ihren eigenen inneren Frieden, sondern auch den Frieden mit der Gemeinschaft der anderen Menschen – weil sie den Hass und die Angst ihrer eigenen Wahrnehmung in ihre Umgebung verströmen – sonst würden sie nach echten Kompromissen und nicht nach eigenem Sieg und nach der Niederlage ihrer „Gegner“ gesucht haben.

„Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst!“ Das ist – leider – eine der wenigen wahren Aussagen in diesen Situationen und diese Erkenntnis sollte doch eigentlich bewirken, dass wir alle vor jeder Gewalthandlung innehalten und auf die eigene grundlegende Integrität und dann auch auf die der Konfliktpartner schauen, die immer beide existieren, auch wenn sie nicht hinreichend angesprochen und gelebt, sondern von böswilligen bzw. angstvollen gegenseitigen Unterstellungen ihrer Klarheit und vernünftigen Wirkung beraubt wurde.

So kam es auch zu den völlig unsinnigen Meldungen vom „Sieg“ – im Kriegsverlauf des WK2 auf beiden Seiten, die immer wieder von den Propagandaabteilungen aller Seiten wiederholt wurden, so dass die wachsenden Berge von schließlich mehr als 20 Millionen Toten und das Leid der trauernden und traumatisierten Überlebenden, die zerbombten und ausgebrannten Städte und die Hungersnöte nach dem Ende der Kampfhandlungen und auch noch in den Jahren danach nur schwer realitätsnah eingeordnet werden konnten. Selbst heute wird das alles noch von von manchen Menschen als „leider unvermeidlich“ zur Seite gewischt und das Ausmaß des Leides der jeweils gegnerischen Toten, Verletzten und Hinterbliebenen immer als „selbst schuld“ usw. … kleingeredet und damit letztlich geleugnet. Alle Parteien unterdrückten die Wahrheit auf dieselbe Weise – auch bei den eigenen Leuten, dort vielleicht etwas weniger feindselig und auch weniger drastisch, aber immer rechtfertigend und deshalb prinzipiell genau so lügenhaft zudeckend – mit gravierenden Folgen für den inneren Frieden und die innere Wahrhaftigkeit bei allen Beteiligten.

Man muss es wirklich immer wieder aussprechen: Kriege basieren stets auf faustdicken Lügen und Verachtung des Lebens! Und das gilt für alle Konflikte auf allen Ebenen, bei denen Unterschiede von Interessen und Meinungen mit gewalttätigen Mitteln ausgetragen wurden bzw. werden. Besonders Aufrüstungen mit tödlichen Massenvernichtungs-Waffen und die dann irgendwann unvermeidlichen Kriege (- die teure Aufrüstung muss sich ja schließlich lohnen!) und ihre „Erfolge“ beginnen immer mit Lügen – alsbald auf beiden Seiten! Und sie sind immer schlicht und einfach menschenverachtend! … „Kriegskunst“ dieser Art leugnet die allen Parteien eigene Menschlichkeit und – ebenso die durchaus vorhandene Unterscheidungskraft. Und dann wird im Konfliktverlauf so hemmungslos gelogen, gehetzt, vergewaltigt und getötet, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Und wenn man auch nur einigermaßen objektiv hinschaut, so kann man sehr wohl erkennen, dass die Herrschaft der Sieger und die Unterdrückung der Besiegten nie wirklich unbegrenzt „gehalten“ hat. Irgendwann folgt die Gegenbewegung und dann klagen schon wieder die Gesichter und besonders die Augen der Menschen ihr Leid und der alte und der neue Zorn ist immer noch Jahrzehntelang und sogar generationen-übergreifend spürbar und wirksam…. .

Doch halt! – Es gibt doch noch eine wesentliche (andere) Wahrheit – auch bei einem kriegerischen Konflikt : dass nämlich eigentlich immer Verhandlungslösungen möglich sind, falls die Interessen beider Seiten von allen Beteiligten wirklich und schließlich doch noch fair angeschaut, sorgfältig untersucht und dann großzügig verhandelt werden. Dabei gilt, dass ein guter Unterhändler nicht nur das eigene Interesse und den eigenen Verhandlungsspielraum, sondern auch Interessen und Verhandlungsspielraum der „Gegenseite“ kennt – und fair einkalkuliert – und nicht nur den einseitigen kurzfristigen Vorteil, sondern das langfristige Interesse beider Seiten berücksichtigt und tatsächlich sucht. – Zum Beispiel hätte man die Ukraine durchaus als blühenden, neutralen Puffer- und Brückenstaat zwischen EU und Russland etablieren können – ohne die inzwischen mehr als 200.000 ermordeten Soldaten und Zivilisten auf beiden Seiten und die großteils zerstörte Infrastruktur der Ukraine „in Kauf zu nehmen“.

Kurz: Krieg ist nie die „Ultima Ratio“, er ist in Wahrheit irrational in jeder Hinsicht: von Angst, Lüge und Hass bestimmt, der sich zwar „Kalkül“ nennt, dabei aber in Wahrheit nur riesige Werte an Vertrauen, Menschenleben, lebenswichtigen Gemeinwohl-Funktionen, an Arbeit, staatlichem und privatem Besitz und nicht zuletzt an ökologischen Ressourcen einfach vernichtet und zwar immer früher oder später bei allen beteiligten Parteien. Das ist für jeden unübersehbar, der vorurteilsfrei und die Historie nicht leugnend hinschaut und wird mit jedem weiteren gewalttätig eskalierten Konflikt auf dem Planeten immer wieder neu bestätigt. – Aber die Verantwortlichen wollen so oft einfach nicht hinschauen – nicht mal auf das, was sie sich auch selbst dabei (auch innen) antun!